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Interessantes zum Baum:

Mutter der Sonne

Antike Software ...

Gäbe es China, wenn es den Maulbeerbaum nicht gäbe? Der Anfang liegt wie so oft im Mythos: Shennong, mythischer Urkaiser und Gott des Ackerbaus in Personalunion, zeigte den Menschen, wie man den Maulbeerbaum kultiviert. Nicht für Holz noch für die süße und (obwohl etwas üppig) wohlschmeckende Frucht (beide nur obzwar willkommene Nebenprodukte), nein, alles für die Raupe.

Die Geschichte des Maulbeerbaums ist vom Menschen aus gesehen die der Seide. Der Baum selbst bleibt irgendwie unscheinbar. Oder sollte man die Maulbeere einen bescheidenen Baum nennen, einen der ohne Falsch einfach nur freundlich ist und sich in den Hintergrund stellt? Das könnte erhellen, dass die Maulbeere für so vieles gut ist, aber nie Ruhm erlangte, nie strahlte und schnell wieder vergessen wird.

Maulbeere im HerbstHerbstliche Maulbeere am Althoffplatz in Berlin, Steglitz-Zehlendorf. Das Blatt der Maulbeere ist hinsichtlich der Form leicht mit dem der Linde verwechselbar, es hat allerdings eine ganz andere Färbung.

Nach Konfuzius fütterten die Chinesen schon 2700 v. Chr die kleinen weißlichen Vielfraße mit dem frischen, extra zubereiteten Haschee aus den Blättern des Weißen Maulbeerbaums. Um sie dann später - nach deren Verpuppung - aus ihrem Kokon zu wickeln. Die frühen Chinesen gewannen so den feinen Faden für eines der wertvollsten Gewebe seit Menschengedenken: Seide.

Die entwickelte klassische chinesische Prozedur der Herstellung des über Jahrtausende begehrten Stoffes war und ist alles andere als einfach und gleicht einem Zyklus von Kulthandlungen mehr als etwas Alltäglichem. Je ein Kapitel für sich waren die Anzucht der knapp über mannsgroßen Maulbeer-Bäumchen für die Produktion des Futters der Seidenraupen, das Anrichten des Futters selbst, die Haltung der Raupen sowie die Einbindung der Seidenproduktion in einen ökonomischen und ökologischen Kreislauf. [b]

Nichts verkam: „Seidenraupenzucht, Maulbeerhaine und Fischzucht bildeten ein geschlossenes System. Das Land, auf dem die Maulbeerbäume wuchsen, wurde künstlich erhöht, dabei hob man gleichzeitig Fischteiche aus. Im Winter wurde der Schlamm aus den Teichen geholt und damit die Maulbeerbäume gedüngt. Das Laub ernährte die Raupen und deren Abfall wiederum die Fische, deren Abfall dann wiederum die Bäume ...“ [b] Die kahl­gefres­senen Zweige waren darüber hinaus Brennmaterial und deren Asche unverzichtbar beim Einlegen der Schmetterlingseier sowie Färben der Seide. [ebd.]

Und ebenso wie bei einem Kult waren Vollzug und Wissen darum Vorrecht und Geheimnis einer Minderheit. Nur die aristokratischen Familien durften Seide produzieren. Sie waren auch die einzigen, denen es gestattet war, dieses edle Gewebe als Kleidung zu tragen. Immerhin war es der Weiße Maulbeerbaum, von dem man dieses große Geschenk entgegennahm, Baum des Sonnenaufgangs und Residenz der Sonnenmutter. Seidenkleider waren göttlicher Adel. [1]

Auch von daher wird verständlich, dass mit dem Tode bestraft wurde, wer die Geheimnisse der Seidenherstellung ausplauderte oder Raupen oder auch die Eier des Seidenspinners außer Landes brachte. Seide war im alten China nicht nur Luxus, Seide war heilig.

... und antike Softwarepatente

Selbst handelte China nicht mit der Seide, die Chinesen blieben im Reich und hüteten eifersüchtig das Geheimnis um deren Herstellung. Den Handel mit der chinesischen Software übernahmen derweil die Serer, Nachbarn der Chinesen. Die Ware ging an Parther, Griechen und bis nach Rom auf der Seidenstrasse, ein Verbund von Handelstraßen und Karawanenwegen von der Reichshauptstadt Zanghan bis ans Mittelmeer. Das Geschäft boomte, ein Hype war um das Jahr 0. Da hatte China noch das absolute Monopol auf die Seidenproduktion. [b]

Natürlich weckte ein solch erfolgreiches und Reichtum versprechendes Produkt Begehrlichkeiten, die mit den am Ende nicht mehr erfolgreichen Strategien der Sicherung der Geheimnisse um die Seidenproduktion konkurrierten. China musste die Produktion zudem nach und nach immer mehr aus der Hand geben. Es konnte die Nachfrage aus eigener Kraft nicht bewältigen und die Verarbeitung von Rohseide oder auch Altseide (aus gebrauchter Seidenkleidung) fand in Werkstätten in Indien, Persien, Syrien, Palästina, Ägypten und Byzanz statt. Insbesondere Byzanz hatte einen enormen Verbrauch an staatlichen und kirchlichen Zeremonialroben. [ebd.]

Hochtechnologie wandert ...

Spätestens um das Jahr 500 war das Monopol gebrochen. Eine chinesische Prinzessin wurde ins mittelasiatische Khotan verheiratet und schmuggelte, um weiterhin die gewohnten Stoffe tragen zu können, Seidenkokons im Futter ihrer Haube aus dem Reich. So konnte Khotan in die Seidenproduktion einsteigen. Und um 550 gelang es zwei Mönchen Eier des Seidenspinners und Samen der Maulbeere in ihren Wanderstöcken von da nach Byzanz zu bringen. Nur die Entscheidung Justinians, die byzantinische Seidenproduktion zum Staatsmonopol erklären zu lassen, verhinderte damals vermutlich, dass Byzanz jemals ein großer Seidenproduzent wurde. Das Gros der Seide musste weiterhin (noch) aus China importiert werden. Allerdings wurde Byzanz zum Zentrum des Seidenhandels. [ebd.]

alte Maulbeere Diese etwa 250 Jahre alte Weiße Maulbeere - Überbleibsel klösterlicher Seidenproduktion - wollte man fällen. Man hielt sie fälschlicherweise für eine hohle Linde und fürchtete ihren Zusammenbruch. Alte Maulbeerbäume sind oft auch hohl noch sehr standfest und man kann die Krone (so wie hier geschehen) mit Gurten gut stabilisieren.

... und nimmt ihre ökologische Grundlage mit

Ein großer Konkurrent Chinas bei der Seidenraupenzucht war inzwischen das islamische Persien geworden. Fast die gesamte Seide, die nach Mitteleuropa verkauft wurde, stammte nun aus dieser Quelle. Andere Produktionsorte für das Gewinn bringende Gewebe entstanden: Erst in den Metropolen Syriens, dann auf Kreta und Zypern, von Ägypten aus in Nordafrika, nach Sizilien und Spanien. Um das Jahr 900 wurde in Cordoba Seide produziert.

Nicht vergessen darf man: Wo man Seide herstellte, pflanzte man Weiße Maulbeerbäume. Der Weg der Seide entspricht dem Weg der Weißen Maulbeere nach Europa.

Dann kam die Maulbeere immer weiter west- und nordwärts. Im 12. Jahrhundert ließ Roger von Sizilien Maulbeerbäume und Seidenraupen kultivieren. Dazu raubten die Normannen Seidenweberinnen aus Korinth und Theben, denn sie wollten zwar daran verdienen, hatten aber sonst keinen Schimmer. Und Seidenerfolg zog Kreise: Kulturen wurden aufgebaut von Mittel- bis Norditalien. Daraus entstand die italienische Seidenwirtschaft, deren Anteil an der Weltproduktion um 1870 immerhin fast ein Drittel war, bevor die Pebrine-Krankheit ausbrach, die die Seidenraupenzuchten vernichtete.

Als Karl VIII. 1494 einen Feldzug nach Italien machte, wurde die Maulbeere (und natürlich auch die Raupe des Seidenspinners) nach Frankreich gebracht. Nach den Religionskriegen blühte die südfranzösische Seidenproduktion mal so, mal so, unterbrochen wie die italienische von der Pebrine-Krise und dem dadurch verursachten Produktionszusammenbruch bis zu ihrem Erlöschen 1949. Da rodete man die vielen Maulbeerbäume in Südfrankreich zugunsten lukrativerer Bäume einfach aus und vergaß die Bescheidene.

Der deutsche Versuch - Selber essen macht dick

Drei auf dem Zehlendorfer Friedhof in Berlin, eine kurze Allee mit Lücken in Zernikow, ein paar Versprengte. Man muss schon suchen, fragen kann man kaum jemanden. Vergessen. Das ist übrig von der Seidenkultur und der Karriere des Weißen Maulbeerbaums in Preußen.

Maulbeerblätter Frische Blätter treibt die Maulbeere den ganzen Sommer über immer wieder

Die Kunst des Seidenanbaus hatten die Hugenotten Ende des 17. Jahrhunderts mit nach Preußen gebracht. [a] Um 1750 standen in Berlin mehr als 2000 Maulbeeren [d], 1782 wuchsen in ganz Preußen 3 Millionen Bäume [1]. In ihrer Blüte konnte die preußische Maulbeerkultur einen Ertrag von etwa 14000 Pfund Seide vorweisen. [1] Was aber nur ein Zwanzigstel dessen war, was Preußen an Seide verbrauchte.

Genau das war zu allen Zeiten und überall das Problem mit der Seide, denn Kapital floss so kontinuierlich ab; eine eigene Seiden­pro­duktion war der Versuch, dies zu stoppen. [1], [d]

Friedrich Wilhelm I., der „Soldatenkönig“, hatte die Weiße Maulbeere zum Behufe der Seidenproduktion und auch sonst auf allen öffentlichen Plätzen, allen Fried- und Schulhöfen pflanzen lassen. Man hatte da einen patenten Baum, auf dem nicht nur die wertvollen Räupchen fressen konnten. Immer frisch, immer grün ist die Maulbeere, denn nicht nur im Frühjahr, sondern den ganzen Sommer treibt sie frisches Blattwerk. Wochenlang kann man die süßen Früchte ernten. [d] Und vielleicht käme ja etwas zusammen. Um das recht anzutreiben, erließ er 1734 das Verbot, fremde Seidenwaren einzuführen. [1] Restriktionen hatten ja auch schon die chinesische Prinzessin erfinderisch werden lassen.

Friedrich II., der Grosse fand, dass Seide recht befördert ein einträglicheres Geschäft sein könnte. Diese Hoffnung öffnete angesichts magerer Kriegskassen die staatlichen Investitionssäckel und ließ manche königliche Anordnung ergehen, wer verpflichtet sei, Maulbeere anzupflanzen und Seide zu produzieren. Und es floss die Subvention für den, der sich willig zeigte. [1]

Aber etliche der nun von Friedrich II zwangsverpflichteteten Bauern wussten gar nicht, wie sie es anstellen sollten. Da hatte der König am Ende viel Geld in den Brandenburger Sand gesetzt.

Mit Napoleon nahte dann vorerst das Ende. Wer wollte, konnte sich aus der Verpflich­tung freikaufen. Vielleicht wollte der Korse die französische Seidenwirtschaft fördern und die preußische austrocknen. Seidenanbau im kleinen Rahmen blieb aber weiterhin ein lohnender Nebenerwerb in preußischen Landen, insbesondere nach den Freiheitskriegen und für Landschullehrer mit magerer Revenue. [ebd.]

Ein kurzes Aufbäumen der deutschen Seidenwirtschaft im tausendjährigen Reich, dann war es vorbei damit. Aus und vergessen. Preußische Seide? Die Frage stößt heute auf Unverständnis.

Die Legende – wie nach Ovid die schwarze Maulbeere entstand

Das alte Thema: Pyramus und Thisbe lieben sich heiß und innig, aber die Eltern sind sich spinnefeind, Liebesgeflüster muss durch eiserne Vorhänge dringen. Der Plan: Flucht aus Babylon. Treffpunkt: ein weißer Maulbeerbaum an der Grabhöhle des Ninus, gerade voller schneeweißer Früchte. In der Nähe eine Quelle.

Thisbe wartet schon. Eine Löwin kommt, just vom Mahl, blutverschmiert noch das Maul. Thisbe erschrickt und verliert bei der Flucht in die Höhle ihren Schleier. Die Löwin trinkt und spielt mit dem Schleier, der nun voller Blut, und trollt sich dann. Pyramus tritt auf und findet den blutigen Schal. Er glaubt ...

Und im Wahn einer möglichen Schuld am schrecklichen Geschehen stürzt er sich in sein Schwert. Das Blut spritzt, Riesensauerei. Die eben noch weißen Beeren der Maulbeere werden mit Blut besudelt, das meiste davon versickert zwischen den Wurzeln. Thisbe kommt aus der Höhle, findet den Toten und gibt sich verzweifelt die Kugel. Ergreifend.

Ihre letzte Bitte an die Götter: Mögen die Beeren des Baums immer Trauer um den Geliebten tragen und von nun an dunkel sein. Die Bitte wird erfüllt. [e]

Das schwarze Schaf und der rote Bruder

Der Weiße Maulbeerbaum hat noch einen Bruder, den Schwarzen Maulbeerbaum. Er kommt vermutlich aus Vorderasien, vielleicht dem Gebiet des alten Persiens und wird schon seit der Antike am Mittel­meer angebaut und ist dort manchmal auch als verwilderte Form zu finden. Attraktiv machten ihn in heißen Ländern seine wohlschmeckenden, durstlöschenden und erfrischenden Früchte. [3]

Aus denen kann man übrigens auch Wein keltern oder mit ihnen anderen Wein färben. In alter Zeit galt die Maulbeere überdies als Heilpflanze, mit deren Blättern man Würmer und Verdauungsprobleme behandelte.

Eine weitere signifikante Variante der varietätsreichen Kulturpflanze ist der Rote Maulbeerbaum mit Heimat im östlichen Nordamerika.

Das Holz nicht vergessen

Will man heute Maulbeerholz charakterisieren, vergleicht man es mit dem der Ulme, weil es so wenig bekannt ist. Es ist hart, faserig und schwer spaltbar. Der dünne Splint ist hellgelb, der Kern goldgelb bis hellbraun. Maulbeerholz ist gut polierbar. Das der Wurzeln ist gemasert, es macht sich gut in Intarsienarbeiten. [3], [c]

Hervorragende Weinfässer hat man aus Maulbeere gemacht. Und im Bereich des alten Persiens und Afghanistans bis hinüber nach Indien war und ist es noch heute beliebt als Material für Trommeln, Klanghölzer und Saiteninstrumente, die oft aus einem Block geschnitten werden.

Die Maulbeere ist ein Baum für jeden Tag. Eigentlich. Bescheiden. Freundlich. Die Mutter der Sonne. Steht bei Ihnen vielleicht ein Maulbeerbaum in der Straße? Oder auf dem nächsten Friedhof?

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Quellen und Wissenswertes:

Interessantes zu Maulbeerbaum:

Die einzige brandenburgische Maulbeerallee mit mehreren denkmalgeschützten 250-jährigen Maulbeerbäumen befindet sich am Dorfausgang von Zernikow im Landkreis Oberhavel. Im Gutshaus informiert eine kleine Ausstellung über die Geschichte des preußischen Seidenbaus. Zu Schauzwecken züchtet die Initiative Zernikow e. V. Seidenraupen, die man z. B. während des Maulbeerfests (jährlich im Sommer) beim Futtern von Maulbeerblättern beobachten kann. Hier der Link zur Seite vom Gutshaus Zernikow, allerdings findet man auf der Site nur etwas ältere Texte zu Maulbeere und Seidenzucht in Brandenburg, keine Bilder. link

Auf dieser Seite von Walter Schön sind Maulbeerspinner in allen Entwicklungsstadien zu sehen. Die Seiten unter www.schmetterling-raupe.de sind interessant und umfangreich zum Thema Schmetterlinge, leider ein bisschen wirr und mit einem Generator erstellt. Eventuell macht es Sinn, die Zeichenkodierung des Browsers auf westeuropäisch-iso-8859-15 umzustellen, wenn Umlaute nicht richtig dargestellt werden. link

In Büchern zu Maulbeerbaum:

[1] Michael Seiler, Moromanie. Leidenschaft für Maulbeerbäume. In: Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte (Hg.), Schön und Nützlich. Aus Brandenburgs Kloster-, Schloss- und Küchengärten. Potsdam 2004, 151-158

[2] Siegfried Danert u.a., Urania Pflanzenreich. Blütenpflanzen 1. Berlin 2000, S. 133 f.

[3] Artikel 'Schwarzer Maulbeerbaum' in: Ulrich Hecker, Bäume und Sträucher. München 2006, S. 432 f.

Im Web zu Maulbeerbaum:

[a] Stadtbäume. Die Geschichte der Maulbeerbäume in Berlin. Site der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklunglink

[b] Indra Ottich, Seide. in: I. Ottich [Hg.], Ein Buch von alten Fasern. Teil 4 - Sonstige Fasern. pdf-Ausgabe von 2006, S. 228-268. In der Rubrik "Nützliches" findet man den Link "Downloads", der zu einer pdf-Liste. Hier Faserbuch Teil 4 wählen.link

[c] Schwarzer Maulbeerbaum. Die Pflanzen des Capitulare de Villis (Landgüterverordnung Karls des Großen). Site des Freundeskreis Botanischer Garten Aachen e.V. Link führt zur Pflanzenliste, hier Maulbeere, Schwarze oder Morus nigra anklicken.link

[d] Claudia Becker, Die Berliner Seidenstraße. Berliner Morgenpost vom 12. Juli 2009link

[e] Ovid, Metamorphosen. Pyramus und Thisbe. Lateinischer Originaltext und deutsche Übersetzung von Julia Grybas. link

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